Ab welchem Biegeradius gilt die Abwicklungsformel nicht mehr?

Die Abwicklungsformel ist nicht mehr belastbar, wenn der Innenradius unter dem werkstoff- und verfahrensabhängigen Mindestbiegeradius liegt. Dann entscheidet nicht mehr nur Geometrie, sondern auch Rissgefahr, Stauchung und Rückfederung.

Der aktuelle Draft rechnet die gestreckte Länge einer 90-Grad-Kantung über Innenradius r, Blechdicke s und K-Faktor. Diese Rechnung setzt voraus, dass das Blech kalt gebogen werden kann, ohne dass die Aussenseite reißt oder die Innenseite unkontrolliert staucht.

Eine harte allgemeine Grenze gibt der Entwurf nicht aus, weil sie ohne Werkstoff, Walzrichtung, Werkzeugöffnung und Biegeverfahren nicht belegbar wäre. Der Rechner warnt aber bei r/s < 0,5: Der Innenradius ist dann sehr klein im Verhältnis zur Blechdicke, und Mindestbiegeradius sowie Rissgefahr sind im Datenmodell noch nicht hinterlegt.

Praktisch heißt das: Für einfache Plausibilitätsrechnungen einer 90-Grad-Kantung oberhalb eines freigegebenen Mindestbiegeradius ist die Formel geeignet. Für andere Winkel, enge Kanten, risskritische Werkstoffe, Sichtteile oder Serienfreigaben braucht es die Biegetabelle der eigenen Maschine, Materialdaten und eine Prüfung am realen Werkzeug.

Der Blechabwicklungsrechner für 90 Grad zeigt die geometrische Länge. Der Ratgeber Blechabwicklung und K-Faktor richtig anwenden erklärt die Grenzen der Rechnung und die Rolle der neutralen Faser.

Einordnung

  • Data M Sheet Metal Solutions GmbH: „COPRA RF 2011 / COPRA CADFinder / COPRA SpreadSheet 2011”, Benutzerhandbuch, Abschnitt „Berechnung nach DIN Norm 6935” — Herstellerdokumentation, nicht frei abrufbar.

DIN 6935 und die Beiblätter wurden nicht im Volltext eingesehen oder nachgedruckt. Die Umrechnung K_CAD = k_DIN / 2 ist eine Konvention der CAD-Herstellerdokumentation, kein Normwert.

Quellen